Page 13

Standards_2013_4

STANDARDS 4|2013 | 13 IM FOKUS „Jetzt ist die Zeit, Perspektiven zu schaffen“ Prof. Dr.-Ing. Dietrich Stein, Experte für Versorgungsnetzwerke und Erfinder des unterirdischen Transportsystems CargoCap STANDARDS: An der Ruhr-Universität Bochum haben Sie ein Konzept für computergesteuerte Warenlieferungen per Rohrleitung entwickelt. Was kann die „fünfte Transportalternative zu Straße, Schiene, Wasser und Luft“ für einen Ballungsraum wie das Ruhrgebiet leisten? Dietrich Stein: Mit CargoCap können wir mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Indem wir einen Teil des Gütertransports unter die Erde verlagern, schaffen wir oben Raum zur Sicherung der Mobilität und für die dringend notwendigen Reparaturarbeiten – es gibt endlich weniger Stau an Baustellen und die bestehende Infrastruktur wird entlastet. Außerdem werden Lärm und Schadstoffe reduziert. Das System verbraucht keine Fläche und der Betrieb erfolgt ressourcen- und klimaschonend mit Elektroantrieb. Im Untergrund sieht, hört und riecht man es nicht. Insofern kommt es dem Wunsch der Menschen nach Gesundheit, Ruhe und Erholung in ihrem Wohnumfeld sehr entgegen. STANDARDS: Güterlogistik unter der Erde, das klingt nach einer spannenden Utopie. Wie steht es mit der technischen und finanziellen Machbarkeit? Dietrich Stein: Wir sind einsatzbereit. Vor allem der Fortschritt im Rohrleitungsbau eröffnet die Chance, das System im Zeitfenster unserer Generation umzusetzen. Und das zu überschaubaren Kosten. Zum Vergleich: Die zweispurige Erweiterung einer Autobahn kostet pro Kilometer je nach Bebauung 10 bis 30 Millionen Euro, ein Kilometer Fahrrohrleitung dagegen nur rund 3 Millionen. 2014 startet in Deutschland die erste Umsetzung von CargoCap im Maßstab 1:1 im Rahmen eines Pilotprojekts in der Industrie. Damit wird der endgültige Nachweis über die technische Machbarkeit erbracht. STANDARDS: Wie würden Handel und Industrie von einem solchen Warenversorgungsnetz profitieren? Dietrich Stein: Vor allem durch die umweltfreundliche, witte- rungsunabhängige und flexible Just-in-time-Belieferung, die rund um die Uhr innerstädtisch erfolgen kann. Die Waren werden per Europalette direkt an Rampe, Band oder Regal geliefert. Alternativ können kleinere Unternehmen von einer zentralen Anschlussstelle mitten in der Stadt aus versorgt werden, zum Beispiel per Fahrradkurier. Der Handel spart teure Lagerflächen ein, Regallücken müssen nicht mehr existieren. STANDARDS: Der Handlungsbedarf ist offensichtlich, dennoch verläuft nach wie vor vieles in gewohnten Bahnen. Warum tun sich Wirtschaft und Politik so schwer mit echten Neuerungen? Dietrich Stein: Die meisten Innovationen stoßen zunächst auf Skepsis und Widerstand. So ergeht es auch CargoCap, dessen Einsatz in vielen Studien erst im Jahre 2050 gesehen wird. Allerdings wird sich der Lkw-Verkehr bis dahin gegenüber 2008 bereits verdoppelt haben. Darauf zu warten, dass erst unsere Kinder und Enkelkinder Innovationen einführen, halte ich für den falschen Weg. Vielmehr haben wir einen Generationenvertrag zu erfüllen, wie dies etwa im 19. Jahrhundert durch den Bau der Kanalisation geschehen ist, die seitdem das hygienische Überleben in den Städten sichert. Wir haben die Aufgabe, moderne Plagen wie Lärm, Abgase, Feinstaub und Verkehrschaos zu bekämpfen. Nicht in 20 oder 30 Jahren – jetzt ist die Zeit, dies durch praxisreife Innovationen zu realisieren.


Standards_2013_4
To see the actual publication please follow the link above