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Mehr Tierwohl durch Digitalisierung?

Das Forschungsprojekt „Internet of Food & Farm 2020“ (IoF 2020) fördert die Umsetzung des Internet of Things in der europäischen Land- und Ernährungswirtschaft. Das Ziel: Prozesse digitalisieren, Lösungen bereitstellen und eine Grundlage für mehr Nachhaltigkeit bei gleichzeitig hoher Produktivität schaffen. Seit Juli 2018 erforscht eines der insgesamt 19 Teilprojekte Technologien und Prozesse für mehr Tierwohl und eine bessere Fleischqualität in der Schweinefleischproduktion.

Die Deutschen essen immer weniger Fleisch. 2017 sank die Verzehrmenge laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) auf rund 59 Kilogramm pro Kopf – davon etwa 36 Kilo Schwein. Doch wer glaubt, der Trend ließe auch auf die globale Entwicklung des Fleischkonsums schließen, der irrt: Laut Weltagrarbericht hat sich die globale Fleischproduktion in den letzten 50 Jahren mit 308 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr vervierfacht. Und der Trend hält an: Die Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) erwartet sogar eine Steigerung der Fleischproduktion auf 455 Millionen Tonnen bis 2050. Für die Fleischindustrie weltweit eine Herausforderung, denn zugleich fordern Gesetzgeber und Verbraucher zunehmend mehr Nachhaltigkeit, Tierwohl und Qualität.

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Internet of Food & Farm 2020“ (IoF2020) haben sechs Unternehmen nun ein Teilprojekt ins Leben gerufen, das genau hier ansetzt: Gemeinsam wollen die Universität Wageningen, das Netzwerk für nachhaltige Schweinezucht Keten Duurzaam Varkensvlees (KDV), der Zertifizierer De Hoeve, der Schlachthof Westforst – alle in den Niederlanden – GS1 Germany und das European EPC Competence Center (EECC) eine Basis schaffen, um mehr Tierwohl und eine höhere Fleischqualität bei gleichzeitig effizienteren Arbeitsprozessen zu gewährleisten. Seit Juli 2018 arbeiten sie dafür an einem Pilotsystem für eine nachhaltigere und transparentere Schweinefleischproduktion.

Relevante Daten vollständig und digital managen

Konkretes Ziel des Vorhabens ist zum einen, die Historie eines individuellen Schweins von der Geburt bis zur Schlachtung transparent und nachvollziehbar abzubilden – für alle beteiligten Partner in der Lieferkette, vom Bauern bis zum Schlachthof. Um darüber hinaus den Zertifizierungsprozess der Schweinezüchter weiter zu optimieren, setzt De Hoeve zukünftig auf eine zuverlässige und reibungslose Erfassung und Weiterverarbeitung der aggregierten Daten auf Betriebsebene. „Für die meisten Schweinezüchter und Schlachthäuser ist das heute noch Zukunftsmusik“, sagt Sabine Kläser, Managerin Identification und Data Carrier bei GS1 Germany. „Es fehlt zum einen an entsprechenden Daten über den Zustand und die Historie eines jeden Schweins. Zum anderen ist die Technologie für die digitale Datenerfassung und den unternehmensübergreifenden Datenaustausch zwar vorhanden, aber längst nicht überall integriert.“ So erfassen viele Schweinezüchter die Daten, die für den Beleg des Tierwohls relevant wären, entweder nicht vollständig oder noch nicht konsolidiert.

Die niederländischen Partnerunternehmen sind jedoch bereits gut aufgestellt: Die dem KDV angeschlossenen Schweinebauern halten hohe Nachhaltigkeitsstandards ein und werden von De Hoeve regelmäßig auditiert. Zum Beispiel dürfen die Ferkel länger als der Durchschnitt bei der Muttersau verbleiben. Auch erfassen die Bauern für die Messung des Tierwohls relevante Daten wie etwa das Wachstum betreffend, die Transportzeiten oder die Medikamentenabgabe. Dies tun sie bereits digital und teilweise auf Einzeltierebene, sprich: individuell für jedes einzelne Schwein. Einige Farmer bringen dafür sogar schon RFID-Chips an den Schweineohren an, mit denen sie jedes Tier elektronisch identifizieren können. Die Krux: Die zusammenhängende Historie eines Einzeltieres lässt sich heute noch nicht abbilden. Bislang können die Bauern ihren Geschäftspartnern ausschließlich Daten zu einzelnen Teilprozessen zur Verfügung stellen, wie etwa das Datum der letzten Medikamentengabe. Eine konsolidierte Darstellung der Datensätze ist nicht möglich.

Auf Knopfdruck den Zustand eines einzelnen Tieres nachvollziehen

Im Rahmen des Projekts arbeiten die Unternehmen gemeinsam an einer Lösung dafür. „Ziel ist es, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass alle relevanten Daten digital und standardisiert zur Verfügung stehen und damit unter anderem auch die Durchführung der Audits von De Hoeve weiter zu optimieren“, so Kläser.

Im ersten Schritt erarbeiten die Projektpartner eine Übersicht über die Prozessschritte und Ereignisse während der Schweineaufzucht, die relevant sind, um das Tierwohl zu belegen. Neben RFID-Technologie zur Identifikation des einzelnen Tieres wollen sie den Schnittstellenstandard EPCIS nutzen, mit dessen Hilfe sich die Prozessschritte und Ereignisse entlang der Lieferkette standardisiert erfassen, elektronisch speichern und kommunizieren lassen. Auf diese Weise können die Unternehmen inklusive des Schlachthofes zukünftig auf Knopfdruck jederzeit nachvollziehen, dass zum Beispiel ein bestimmtes Tier während seiner gesamten Lebenszeit kein Antibiotikum bekommen musste oder wie lange es wohin transportiert wurde. „Nur mit zuverlässigen und individuellen Daten ist es möglich, das Tierwohl von Schweinen zu tracken und zu belegen. Das ist für die Landwirte und die nachgelagerten Prozessbeteiligten zukünftig unverzichtbar, um die Ansprüche der Institutionen und Verbraucher zu erfüllen“, sagt Dr. ir. Ayalew Kassahun, Projektleiter an der der Universität Wageningen.

Das Teilprojekt wird wie einige andere Initiativen im Rahmen von IoF2020 bis Ende 2020 laufen. Die Projektpartner wollen die Ergebnisse im Anschluss der Öffentlichkeit zugänglich machen. Unter anderem soll bis Sommer 2020 ein entsprechender Demonstrator entwickelt werden.

19 Pilotprojekte in der europäischen Land- und Ernährungswirtschaft

Das Projekt „Internet of Food & Farm 2020“ wird durch die EU im Rahmen von Horizon 2020 gefördert, dem Programm der Europäischen Union für Forschung und Innovation. Konsortialführer ist die Universität Wageningen. Projektstart war im Januar 2017. Innerhalb von vier Jahren sollen insgesamt 19 Fallstudien in den fünf Bereichen Ackerbau, Milch-, Fleisch-, Gemüse- und Obstproduktion umgesetzt werden. Die rund 70 Partnerunternehmen kommen aus unterschiedlichen Bereichen entlang der Wertschöpfungskette: von Landwirten über Genossenschaften, Lebensmittelhersteller und Logistikunternehmen bis hin zu Verbraucherorganisationen.

Weitere Informationen finden sich auf www.iof2020.eu.


Pressekontakt GS1 Germany:

Verena Krick
Pressereferentin
GS1 Germany GmbH
T +49 (0)221 94714 526
E verena.krick@gs1.de

Kontakt Teilprojektleitung:
Dr. ir. Ayalew Kassahun
Wageningen University
T +31 628477861
E ayalew.kassahun@wur.nl
www.wur.nl/en/wageningen-university.htm


Über das Projekt „Internet of Food & Farm 2020“ (IoF2020)
Im Rahmen des multinationalen Projekts „Internet of Food & Farm IoF2020“ prüfen und fördern über 70 Partnerunternehmen seit Januar 2017 die Umsetzung des Internet of Things im europäischen Land- und Ernährungswirtschaftssektor. Innerhalb von vier Jahren sollen 19 Fallstudien in den Bereichen Ackerbau, Milch-, Fleisch-, Gemüse- und Obstproduktion umgesetzt werden. GS1 Germany ist an zwei Fallstudien beteiligt. Ziel ist es, Prozesse zu digitalisieren und damit die Grundlage für mehr Produktivität und Nachhaltigkeit zu schaffen. IoF2020 wird im Rahmen des Forschungsrahmenprogramms Horizon 2020 von der Europäischen Union gefördert (Grant Agreement-Nummer 731884).