11.12.2018

Transparenz oder Betriebsgeheimnis?

Dass die beteiligten Firmen außerhalb eines Pilotprojektes nicht veröffentlichen würden, wann wer von wem wie viele Paletten bekommt, war schnell klar. Hieraus lassen sich all zu leicht Handelsvolumen ableiten, welche die Beteiligten lieber geheim halten wollen. Auch wenn im aktuellen Pilot Projekt alle Konsortialpartner volle Einsicht in die Daten des Testlaufs haben, denken wir schon weiter in die Zukunft. Wenn das Projekt nach dem Testlauf des Piloten weiter entwickelt wird, wird die Fragen nach Transparenz oder Geheimhaltung eine der wichtigen Hürden sein. Diese gilt es zu nehmen, bevor an eine breiten Akzeptanz einer Paletten Block Chain zu denken ist.


Welche Kette darf es denn sein?

Die aktuelle technische Realisierung des Piloten bietet volle Transparenz. Diese Entscheidung wurde früh im Projekt getroffene und ist in Hinblick auf den Erprobungscharakter sicher gut und richtig. Auf dieser Basis wurde das "Multi Chain" Protokoll als Block Chain Infrastruktur ausgewählt.

Zieht man das Bedürfnis nach Betriebsgeheimnissen mit in Betracht, so gibt es auch hierfür technische Lösungen. Die nächste Version des Multi Chain Protokolls etwa. Diese wird anbieten, was andere (z.B. Hyper Ledger Fabric) schon können: Leserechte einschränken. Hierbei kann mit Verschlüsselung gearbeitet werden,  was "on top" immer möglich ist, selbst bei den einfachsten Block Chain Protokollen.  Es bedeutet aber, dass ich als Infrastruktur- (d.h. Knoten-)Betreiber in der Block Chain viele Daten für meine Partner redundant vorhalten muss, auf die ich keinen Zugriff habe.  Das Problem, dass Block Chains dazu tendieren, mit der Zeit sehr große Datenmengen anzuhäufen, rückt in den Fokus.

Die einfache klassische Lösung hingegen wäre, den Palettenschein nur bei den beiden direkt am Tausch beteiligten Parteien zu speichern. Sie stellt gleichzeitig sicher, dass niemand anders mit lesen kann und Löst das angesprochene Skalierungsproblem. Natürlich will niemand zur Papierform zurück, aber z.B. private Channels in Hyper Ledger fabric bieten im wesentlichen genau das.

Aber ist das noch Block Chain?  Letztlich könnte man solche Daten bei den beiden Partnern auch in klassischen Datenbanken vorhalten und tatsächlich sind entsprechende Lösungen natürlich teilweise schon im Einsatz.


Mehrwert durch Transparenz

Die Gretchenfrage lautet, ob am Ende nur das bestehende System der Palettenscheine digitalisiert werden soll, oder ob wir die Möglichkeiten der Block Chain Technologie wirklich nutzen möchte, um Probleme und Pain-Points im aktuellen System zu beheben.

Wenn die Konsortialpartner, wie im aktuellen Piloten, ihre Palettenströme veröffentlichen, können digitale Lösungen für viele Probleme auf dieser Datenbasis implementiert werden. Zum Beispiel kann adressiert werden, dass sich zu viele Paletten in meinem Lager sammeln während beim Konsortialpartner nebenan Paletten fehlen. In diesem Fall regional Paletten auszutauschen ist eine naheliegende Mehrwert-Anwendung. Weiter gedacht kann man auch bei LKW Fahrten, die ohnehin statt finden, mehr oder weniger Leerpaletten mitgeben. Vorausgesetzt man weis, dass einer der Partner auf der Route Paletten braucht oder eben nicht. Ein weiterer Anwendungsfall ist der Ringtausch, bei dem Palettenschulden ausgeglichen werden, ohne dass Geld oder Paletten transferiert werden müssen.

Bei näherer Betrachtung werden für diese Mehrwert Dienste aber gar nicht alle Details der Palettenschein-Daten benötigt. Die Partner müssten nur z.B. regelmäßig veröffentlichen, wo Sie Paletten brauchen oder loswerden wollen.


Das beste aus allen Welten

Die Realität ist komplex. Die vollen Daten des Palettenscheins sollen nicht öffentlich werden, aggregierte Daten im Konsortium zu teilen bietet aber viele Vorteile. Es zeichnet sich also ab, dass es verschiedene Datenhaltende Systeme geben muss, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Lokale Datenspeicherung ausschließlich bei den beteiligten Partner für die sensiblen Details, öffentliche Streams, um evtl. die Integrität der Daten zu sichern und vor allem um aggregierte Informationen für Mehrwertdienste mit dem ganzen Konsortium zu teilen.

Das bedeutet, dass Datenaustauschstandards essentiell für das Funktionieren des Gesamtsystems sind.


Brücken bauen

Im Prototypen wurde hier eine wichtige Weiche gestellt: Die Daten werden im GS1 Standard Format **EPCIS** übermittelt und gespeichert. EPCIS ist also bereits die Schnittstelle in die Multi Chain Welt. Hierauf aufbauend ist EPCIS sehr gut geeignet, um die wichtigen (d.h. business relevanten) Ereignisse, die sich aus den Daten ergeben, zu veröffentlichen. Dies kann in einem anderen Stream im selben Block Chain Protokoll geschehen oder in einer anderen Block Chain.

Das EECC hat an seinem Innovation Day 2018 am 11. Oktober mit einem Demonstrator in den Innovation Labs in Neuss diese Ideen aufgegriffen und eine prototypische Lösung unter Verwendung einer von der aktuellen Multi Chain unabhängigen Block Chain Anwendung präsentiert. Auch der nächste schritt hin zur vollautomatisierung, bei der nicht mehr jeder palettenschein von hand in einer App eingegeben werden muss, wurde schon angedacht. Natürlich wird das Thema auch beim GS1 Praxistag Blockchain am 6. Dezember in Köln aufgegriffen und weiter gesponnen werden.

Wir freuen uns schon jetzt auf die Weiterentwicklung der Ideen und Konzepte aus dem GS1 Palettenscheint Piloten, der aus unserer Sicht allein schon deshalb ein Erfolg ist, weil hier die relevanten Fragen ans Tageslicht kommen!

EPCIS baut Brücken zwischen bestehenden Systemen, neuen Digitalisierungs-Kanälen und der jeweils passenden Block Chain.

Bildhinweis

EECC

Dr. Sebastian Schmitter
Ein Beitrag von

Dr. Sebastian Schmitter - Senior Specialist New Technologies, European EPC Competence Center GmbH (EECC)

Das EECC entwickelt seit über 10 Jahren in seinen Innovation Labs neue Lösungen und Geschäftsmodelle für Industrie, Logistik und Handel und versteht sich von Anfang an als Inkubator für neue Technologien. Dem Konzept des lebenslangen Lernens verpflichtet bietet die EECC Academy Schulungen auf dem neusten Stand der Technik, wofür das EECC durch Forschung, Entwicklung und in innovativen Projekten wie diesem die Erfahrungen sammelt. Sebastian unterstützt das starke Team aus RFID UHF Technologie Experten und Software Entwicklern für die Erfassung und Verarbeitung der Daten mittels Electronic Product Code (EPC) und dem darauf aufbauenden Datenaustauschstandard EPCIS seit 2018 mit seinem Wissen im Bereich von Block Chain Technologie, IT Security und beim Management internationaler Forschungsprojekte.

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