13.06.2018

Warum überhaupt ein Pilotprojekt? Weil wir dem Hype um die Technologie auf den Zahn fühlen wollen – ohne Fake-Daten in isolierten Testumgebungen und mit nur wenigen Teilnehmern, sondern mit echten Supply Chain-Partnern, echten Daten, echten Produkten, echten Paletten und einem großen Geschäftspartnernetzwerk. Schafft es Blockchain wirklich, die vielbeschworene Transparenz und Effizienz herzustellen?

Und jetzt zum Use Case: Warum eigentlich der Palettenschein? Gibt es keine brisanteren Anwendungsfälle für Blockchain? Fragen wie diese kommen tatsächlich. Und unsere Antwort darauf: keineswegs! Der Palettentausch ist für alle Beteiligten in Handel, Logistik und Industrie ein hochaktuelles Thema – und bietet ideale Voraussetzungen, um die Datenbank-Technologie zu prüfen. Denn im Bereich des offenen Palettentauschs treffen wir auf eine analoge Welt: Nahezu alles ist papier-basiert und von manueller Dokumentation sowie manuellen Tätigkeiten geprägt. Intransparenz ist ein weiteres Stichwort: Das Pilotprojekt fokussiert eine bestimmte Variante des heutigen Ladungsträgertauschs – nämlich ein System, bei dem die Beteiligten sich untereinander oft nicht kennen und es keine standardisierten Regeln, Rechte und Pflichten gibt. Genau so wenig wie einen Intermediär, der den Tausch überwacht.

300 Millionen Vorgänge auf Papier

Das Ausmaß wird noch greifbarer, führt man sich die folgenden, aktuellen Zahlen vor Augen: In Europa befinden über 500 Mio. Europaletten im Wert von mindestens 2,5 Mrd. Euro im Umlauf – davon rund 50 Prozent in der Konsumgüterbranche. Insgesamt gilt es über 150 Mio. Vorgänge pro Jahr zu dokumentieren. Durch die Kontenführung bei beiden Tauschpartnern verdoppelt sich das Ganze sogar auf 300 Mio. Vorgänge – und alles auf Papier dokumentiert! Sprich: Wir haben uns als Use Case einen real existierenden Prozess mit großem Optimierungspotential hinsichtlich Digitalisierung, Standardisierung und Transparenz ausgesucht. 

Quantensprung zum digitalen Palettenschein

Aber worum geht es nun genau? Im Kern unseres Projekts steht der Palettenschein. Noch gehört er in Papierform zum Tagesgeschäft eines jeden LKW-Fahrers und sorgt in der Logistik oftmals für Ineffizienz und Intransparenz. Warenempfänger setzen ihn ein, wenn der Palettentausch zum Beispiel an der Laderampe beim Händler nicht direkt erfolgt. Der Schein dokumentiert Anzahl, Art und Güte der Ladungsträger. Sein Besitzer kann ihn später beim Aussteller oder bei einem beauftragten Dienstleister wieder einlösen. Klingt simpel, hat aber wie gesagt mehr als einen Haken: Stichwort Papier, unbekannte Akteure und fehlende Kontrollinstanz. Das macht das Ganze extrem unübersichtlich. Wenn sich der Palettentausch mittels Blockchain effizienter und transparenter verwalten lässt, wäre das ein Quantensprung!

Wie läuft das Projekt ab?

Phase 1: Use Case-Modellierung – Definition des konkret zu testenden Prozesses eines Palettentauschs durch die Logistik-Experten der beteiligten Unternehmen. Denn: Das Verständnis über Prozessabläufe und damit verbundene Begrifflichkeiten und Aufgaben sind extrem heterogen in den Unternehmen. Ziel ist die Bestimmung der notwendigen Rollen im Prozess – also Mitarbeiter der teilnehmenden Unternehmen und deren Aufgaben rund um den Palettenschein – sowie grundlegende Prozessanforderungen für die spätere Programmierung der Blockchain. Eine auch für fachfremde Laien verständliche Übersicht über diesen Prozess erarbeiten derzeit unsere Logistik-Profis – wir werden sie schnellstmöglich auf unserem Blog veröffentlichen.

Phase 2: Systemarchitektur – Zusammen mit Experten von SAP erarbeiten die IT-Spezialisten der beteiligten Unternehmen das Governance-Modell und die Systemarchitektur der Blockchain. Ausführliche Einblicke folgen alsbald.

Phase 3: Prototyp – Entwicklung der Simulationsumgebung für einen ersten Testlauf mit einem Prototyp.

Phase 4: Praxistest – Hier führen mehrere Hersteller, Logistik-Dienstleister und Händler innerhalb einer echten Lieferkette den Palettentausch mithilfe von Blockchain-Technologie durch.

Phase 5 – Evaluierung & Handlungsempfehlungen - Zusammen mit der Auswertung bildet der Test die Basis für den fünften und letzten Schritt: die Ableitung von Empfehlungen für die Praxis. Wir planen, diese am 6. Dezember auf der GS1 Germany Blockchain Konferenz zu präsentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Wir sind gespannt, ob der Blockchain-Hype seine Relevanz im täglichen Leben beweist.

Wir halten Sie auf dem Laufenden! 

Bildhinweis

Palettenstapel: European Pallet Association e.V. (EPAL)

Wechselstube Rampe: Quelle: GS1 Germany, Darstellung: PwC

Regina Haas-Hamannt
Ein Beitrag von

Regina Haas-Hamannt - Head of Innovation, GS1 Germany GmbH

Regina Haas-Hamannt treibt eine große Leidenschaft für Veränderungen und das Unbekannte. „Done is better than perfect“ ist ihr Motto. Nichts schätzt sie mehr als den gesunden Menschenverstand – gerade bei der Beurteilung von Emerging Trends. Sie arbeitet im Rahmen der Trend-Forschung bei GS1 Germany seit mehr als zwei Jahren intensiv am Thema Blockchain und hat mit dem Pilotprojekt das bundesweit größte Projekt zu Blockchain gestartet.

Weitere Beiträge von Regina Haas-Hamannt

Kommentare

Bisher sind keine Kommentare vorhanden

Kommentar schreiben

* Pflichtangaben

Kommentare werden während unserer Geschäftszeiten (Werktags von 9:00 bis 17:00 Uhr) zeitnah geprüft und veröffentlicht.

Informationen zum Umgang mit Ihren personenbezogenen Daten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.