13.12.2019

Eine wilde Mischung aus EDI-Techies und Blockchain-Nerds aus Industrie und Handel hat sich einen Tag lang im Knowledge Center die Köpfe heiß diskutiert, ob und wie EDI und Blockchain zusammenspielen. Fazit: Tot gesagte leben länger: EDI wird nicht durch Blockchain abgelöst, sondern die beiden ergänzen sich prima. Neben einer systematischen Einordnung in das OSI-Schichtenmodell, der Definition von Gemeinsamkeiten und Unterschieden haben wir auch jede Menge potentieller Use Cases gefunden, in denen beide Konzepte sinnhaft zum Einsatz kommen. Für zwei Use Cases haben wir das schon weiter konkretisiert. Einmal mehr hat das Innovation Center als kreative Arbeitsumgebung geholfen, sich kollaborativ durch ein komplexes Thema zu wühlen und innerhalb weniger Stunden zu konkreten Ergebnisse zu kommen.

Warum ist das Thema überhaupt relevant?

Beide Technologien befassen sich mit Datenaustausch. Da liegt der Gedanke nahe, dass EDI „ein alter Hut“ ist und Blockchain der neue Heilsbringer. Entsprechend lesen sich auch die Headlines in der Presse und in Internetforen: „Blockchain wird EDI ersetzen“, „Die Zukunft von EDI liegt in Blockchain“ oder „Blockchain ersetzt EDI in der Supply Chain“. Steile Thesen also, denen wir auf den Grund gehen wollten. In beiden „Lagern“ – Blockchain und EDI – gab es lange keine genaue Vorstellungskraft darüber, ob und wie beide Technologien miteinander interagieren könnten. Auch die Vor- und Nachteile der Technologien waren oft nicht klar. Es herrscht nach wie vor ein großer Wissensbedarf auf beiden Seiten.

Was hat GS1 Germany damit zu tun?

Wir befassen uns intensiv mit beiden Themen: GS1 bietet seit Jahrzehnten Standards für elektronischen Datenaustausch zwischen Unternehmen – EDI ist Teil der GS1 DNA. Vor allem in der elektronischen Kommunikation hat sich das globale EDI-Standardformat EANCOM® etabliert. Mit über 100.000 Unternehmen ist es mit Abstand das meist verbreitete EDI-Standard-Format in der Praxis. Und dies bereits seit rund 30 Jahren. Vor allem im Bereich der Transaktionsnachrichten, wie beispielsweise im O2C (Order-To-Cash)-Prozess, profitieren alle Teilnehmer der Wertschöpfungskette von den effizienten elektronischen Schnittstellen. Die im Gegensatz dazu neue Blockchain-Technologie ermöglicht es, neue Wege und Prozesse in der Zukunft auch im Rahmen der Digitalisierung anzugehen. GS1 Germany hat 2018 die Anwendung von Blockchain im Ladungstägermanagement in einem bundesweit einzigartigen Projekt getestet und hierbei bereits GS1 Standards erfolgreich implementiert. Aus diesem Grunde hat GS1 Germany sich Anfang 2019 im Rahmen eines Workshops zusammen mit Blockchain- und EDI-ExpertInnen der Frage gewidmet, was EDI mit Blockchain zu tun hat – oder eben nicht.

Der Workshop: Was haben wir gemacht?

1. Definition von EDI und Blockchain

Wir sind in den Workshop gestartet, indem wir erst einmal ein gemeinsames Verständnis dazu geschaffen haben, was EDI und Blockchain überhaupt sind. Hört sich leicht an? War es aber nicht! Bei der Erarbeitung der beiden Definitionen wurde deutlich, dass die ExpertInnen die jeweils andere Technologie erst einmal besser verstehen mussten, um sie beurteilen zu können. Und dass sich die EDI-ExpertInnen und die Blockchain-ExpertInnen mitnichten untereinander alle einig waren. Aber wir sind zu Ergebnissen gekommen:

Definition von EDI: EDI ist hierbei der Oberbegriff von digitalem Datenaustausch zwischen EDV-Systemen zum Zweck der Automatisierung von Geschäftsprozessen unter Verwendung von standardisierter und strukturierten Daten.

Definition Blockchain: Blockchain ist eine dezentral verteilte Datenbanktechnologie. In der Blockchain werden Transaktionen manipulationssicher in einer chronologisch linear erweiterten Blockkette verteilt/repliziert. Dies erfolgt auf einer Vielzahl von Rechnern. Der Konsensmechanismus stellt hierbei die chronologische Reihenfolge der Transaktionskette sicher. Alle Einträge können vom Netzwerk nachvollzogen werden, wodurch Vertrauen zwischen den Partnern geschaffen wird.

Was ist EDI? Was ist Blockchain?

Durch die gemeinsame Definition in gemischten Teams waren wir alle auf demselben Wissensstand und bereit für Schritt 2: die Verortung der Technologien im Schichtenmodell.

2. Äpfel und Birnen – Zwei unterschiedliche Schichten werden verglichen

Blockchain und EDI einfach so zu vergleichen, das geht nicht – genauso wenig wie man Äpfel und Birnen vergleichen kann. Äpfel und Birnen sind Obst – Blockchain und EDI sind Technologien. Aber das war’s dann auch schon. Denn die beiden liegen auf unterschiedlichen Funktionsebenen bzw. sind zwei unterschiedliche Schichten in den Informationsflüssen. Schnell war klar, dass es kein „entweder EDI oder Blockchain“ gibt – die beiden Technologien ergänzen sich bzw. lassen sich miteinander kombinieren. So kann man EDI-Nachrichten technisch gesehen in Blockchain abbilden (die Sinnhaftigkeit, also ein passender Use Case – ist eine andere Frage). EDI beschreibt das sogenannte Übertragsverfahren von strukturierten Daten, automatisiert und ohne manuelle Eingriffe und im Prinzip Peer-to-Peer. Welches Format dahinter liegt, ist für diese Schicht erstmal zweitrangig. Blockchain hingegen ist eine Art Meta-Netz, mit dem solche Information übertragen werden. Blockchain eignet sich insbesondere dann, wenn mehrere Teilnehmer dieselbe manipulationssichere Information empfangen sollen.

Wie passen EDI und Blockchain zusammen?

In einem dritten Schritt haben wir daraufhin im Detail die Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet:

3. Von Gemeinsamkeiten und Unterschieden

Die Unterschiede sind zahlreich, beispielsweise im Bereich Sicherheit, Datenhaltung, Zielgruppe, Funktionsprinzip und Entwicklungsstand. Beide Technologien haben gemein, dass es Technologie-Sets sind, die auf Digitalisierung, Automatisierung, Schnelligkeit, Effizienz und Fehlervermeidung zielen.

4. Mögliche Use Cases 

Aus einer großen Sammlung von möglichen Use Cases aus unterschiedlichen Branchen wurden zwei vom Workshop-Team als besonders vielversprechend bewertet: Marktplätze und Master Data Management. Beim Thema Marktplätze könnten EDI und Blockchain wie folgt kombiniert werden: Eine Bestellung für ein Bauteil oder einen Transport wird in EDI beschrieben und beim Marktplatz eingestellt. Der Algorithmus findet den besten „Match“ und die Leistung wird erbracht. EDI wird also zur semantischen Beschreibung der gewünschten Leistung genutzt. Beim Thema Master Data Management könnten beide Technologie-Sets Anlieferungsprozesse zwischen Industrie und Handel optimieren. Beispielsweise könnten in einer Blockchain Änderungen von Anlieferadressen (GLN) oder Öffnungszeiten für alle publik und aktuell übermittelt werden.

Erarbeitung von möglichen Use Cases

Gesucht: Zahlen, Daten, Fakten

Leider liegen uns keine Informationen über die praktische Erprobung von EDI und Blockchain vor. Es fehlen belastbare Zahlen über den kombinierten Einsatz. Pilotprojekte müssen in der Zukunft sicherlich mehr Klarheit schaffen.

Doch was bereits jetzt klar ist: Blockchain wird EDI nicht ersetzen, sondern ergänzen! Wichtig ist hierbei, dass die in Unternehmen implementierten Prozessabläufe auf Basis der GS1 Standards mit der jeweiligen passenden Technologie abgebildet werden. Ein Zusammenspiel beider ist für sinnvolle (Teil-)Prozesse eine Option. Dass Blockchain-Technologien bereits etablierte und effiziente EDI-Prozesse zukünftig ersetzen werden, ist unwahrscheinlich, da die Anwendungsgebiete beider Technologien einfach zu unterschiedlich sind.

Bildhinweis

GS1 Germany

Roman Strand
Ein Beitrag von

Roman Strand - Senior Manager Master Data + Data Exchange, GS1 Germany

Bereits seit 2001 ist Roman Strand bei GS1 Germany für die nationale und internationale Entwicklung und Standardisierung von GS1 EDI sowie den EDI-Services zuständig. Dazu zählen insbesondere das weltweit meistgenutze EDI-Format EANCOM® für den elektronischen Datenaustausch entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowie der Schwerpunkt EDI-Logistik. Zudem beschäftigt er sich mit den Themen „Neue Technologien“ wie beispielsweise Blockchain in der Supply Chain. Gemeinsamkeiten zu den Klassikern wie EDIFACT/EANCOM® bzw. Abgrenzungen zu bewährten Prozessen findet er sehr spannend. Als Leiter der nationalen Fachgruppe EDI/eCommerce besitzt er den direkten Draht zu den Kunden und den Anforderungen im Markt.

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