24.09.2019

Komplex, komplexer, Supply Chain Management

Blockchain besitzt im Bereich des Supply Chain Managements und in der Logistik aus unterschiedlichen Gründen eine besondere Relevanz: Zum einen sind logistische Prozesse heute grundsätzlich stark Zahlen- und KPI-getrieben, also „algorithmierbar“. Damit besitzen sie großes Potenzial für datengestützte Entscheidungen auf technologischer Basis. Schlagworte sind etwa Big Data, Künstliche Intelligenz oder Smart Contracts. Zum anderen stehen Unternehmen insbesondere innerhalb logistischer Ketten vor der Herausforderung, nicht mehr nur Material- und Informationsflüsse zusammenführen zu müssen, sondern zusätzlich Zahlungsflüsse zu integrieren. Gleichzeitig entwickeln sich lineare Lieferketten zu Netzwerken aus gleichrangigen Partnern zur Abbildung von Supply Chains. Kurzum: Alles wird komplexer – ein gefundenes Fressen für Blockchain!

Die Datenbanktechnologie bietet auf technologischer Ebene derzeit die einzige Möglichkeit, eine Übertragung von Eigentum an Werten und Dingen über das Internet peer-to-peer und manipulationssicher abzubilden. Blockchain schafft einen „single-point of digital truth“ durch verteilte, im Nachgang nicht mehr manipulierbare Daten, auf dessen Basis die Beteiligten in den Prozessketten unabhängig voneinander weiterarbeiten können. Grundlage dafür sind natürlich verlässliche und korrekte Daten der verschiedenen Prozessteilnehmer. Außerdem kann Blockchain asymmetrische Informationsverteilungen kontern, wie sie bei Einschaltung zentraler Stellen (Intermediäre) und ungleichen Kräfteverhältnissen vorkommen kann (Stichwort Principal-Agent-Problematik).

Konkrete Einsatzmöglichkeiten von Blockchain

Aus diesen Gründen sehen wir deutliche Chancen für den Einsatz von Blockchain in verschiedenen Bereichen der Logistik bzw. des Supply Chain Managements. Konkret: Die Erprobung von Blockchain-basierten Lösungen bietet sich zum Beispiel dort an, wo papierbasierte Prozesse angesiedelt sind, in deren Rahmen mehrere Beteiligte die Inhalte von Dokumenten möglichst zeitgleich, zeitnah und manipulationssicher weiterverarbeiten müssen. Fracht- und Lieferpapiere, Zertifikate, Zustellereignisse, Palettenscheine oder auch Zollpapiere finden sich in nahezu allen Bereichen der Logistik und über viele Branchen hinweg, um nur ein paar Einsatzmöglichkeiten zu nennen.

Auch für mittelständische Unternehmen eine Option

Und nicht nur große Konzerne können Blockchain-Projekte stemmen: Insbesondere mittelständische Unternehmen versuchen oftmals über Kooperationsnetzwerke einen Gegenpol zu Konzernen aufzubauen, gemeinsam Synergien zu schaffen oder auch umfassende Services anzubieten. Blockchain-basierte Lösungen könnten auf technischer Ebene dabei helfen, das notwendige gegenseitige Vertrauen zu festigen. Zudem sind die erforderlichen Investitionen in Sachen Programmierung und Betrieb überschaubar und stellen keine unüberwindbaren Barrieren da. Das notwendige Know-how über Möglichkeiten und die konkrete Anwendung von Blockchain gilt es natürlich vorab aufzubauen und zu erhalten. Dies kann sich für kleinere und mittelständische Unternehmen als etwas schwieriger gestalten, da oftmals nur wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung stehen – und dies zumeist nicht in Vollzeit. Auf der anderen Seite haben diese Unternehmen gegenüber Konzernen meist den Vorteil, schneller reagieren und entscheiden zu können – eventuell ein entscheidender Zugewinn im Rahmen von Pilotprojekten. Denn Agilität und der Raum zum Ausprobieren sind aus unserer Sicht eng mit Blockchain verbunden.

Ohne Identifikation keine Blockchain

Um Blockchain sinnstiftend einsetzen zu können, gilt es einige Voraussetzungen zu beachten – das hat auch unser Pilotprojekt rund um den Palettenschein gezeigt. Eine wesentliche Grundlage für den Einsatz im Supply Chain Management sind, wie oben bereits erwähnt, verlässliche Daten der unterschiedlichen Blockchain-Teilnehmer entlang der Lieferkette. Um unternehmensübergreifende Material-, Informations- und Zahlungsflüsse in Blockchain-basierten Lösungen abbilden zu können, müssen sich beispielsweise Unternehmen, Werte, Dokumente und Objekte bzw. Dinge eindeutig identifizieren und authentifizieren lassen. Hierbei helfen global gültige Identifikationsstandards wie die von GS1 (zum Beispiel GLN, SSCC, GSIN, GRAI oder GIAI). Eine weitere wichtige Voraussetzung ist die unternehmens- und systemübergreifende Kompatibilität und Interoperabilität. So wird es zukünftig nicht „die eine“ Blockchain geben, sondern verschiedene Anwendungen, die über gegenseitige Vernetzung entsprechende Ökosysteme im logistischen Umfeld bilden können. Für eine Skalierung ist die Nutzung offener, global gültiger Standards ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Sie bilden die gemeinsame Sprache, die es ermöglicht, einfach und unmissverständlich über Inhalte und Lösungen zu sprechen.

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GS1 Germany

Dirk Freda
Ein Beitrag von

Dirk Freda - Lead Competence Center SCM, GS1 Germany

Dirk Freda leitet das Competence Center Supply Chain Management bei GS1 Germany in Köln. Sein Hauptfokus im Pilotprojekt rund um den Palettenschein lag auf der operativen Umsetzung in der Praxisphase sowie auf einer möglichen Weiterentwicklung über die Pilotphase hinaus.

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