10.09.2019

GS1 Germany beobachtet die Entwicklung der Blockchain-Technologie schon seit mehreren Jahren. Unsere vermutlich wichtigste Empfehlung: Schauen Sie sich zuerst Ihren Use Case an und analysieren Sie anschließend sorgfältig, welches Set an Technologien auf eine erfolgreiche Realisierung am besten einzahlt. Keinesfalls sollte Blockchain als Technologie von vornherein gesetzt werden. Denn tatsächlich scheitern viele Blockchain-Initiativen bzw. schaffen es nicht in den Produktivbetrieb – warum? Unter anderem bestehen die Gründe hierfür darin, dass die Integration in die bestehenden IT-Landschaften zu wenig bedacht wird (bspw. durch Verwendung proprietärer IDs) oder dass die Lösung am Ende nicht skaliert bzw. vom Markt akzeptiert wird. 

Das (Daten-)Rad wurde bereits erfunden

Egal, für welche Methode zum Austausch von Daten sich Unternehmen entscheiden – GS1 Standards helfen dabei, dass sich der Integrationsaufwand (bspw. durch Mapping von Attributen) für die jeweils involvierten Geschäftspartner effizient bewerkstelligen lässt. Einfachstes und zugleich wichtigstes Beispiel ist die Verwendung von seit Jahrzehnten etablierten IDs für alle Arten von Geschäftsobjekten – sei es für die Unternehmen selbst als auch für die zwischen ihnen gehandelten Produkte, Services und Assets, für physische Lokationen, Dokumente und vieles mehr.

Und nicht nur das – es gibt keinen Grund, das Rad immer neu zu erfinden: GS1 stellt kostenlos fertige Datenmodelle inklusive klarer Spezifikation von Attributen, Syntaxformen, Datenformaten und Codelisten zur Verfügung. Will man beispielsweise einen Eigentumsübergang als Blockchain-Transaktion speichern – warum nicht einfach das EPCIS-Datenmodell zugrunde legen? EPCIS ist DER globale Standard (und seit Jahren auch von ISO/IEC anerkannt), um jedwede Geschäftsprozessschritte (z.B. Wareneingang, Verpackung, Qualitätskontrolle, etc.) digital zu erfassen.

Blockchain ergänzt etablierte Datenaustausch-Verfahren

Unser Anspruch und unsere Aufgabe als neutrale Plattform ist es, Anwenderunternehmen so optimal wie möglich zu unterstützen. Es gibt daher keine normativen Vorgaben (jedoch durchaus Empfehlungen), welchen konkreten technischen Standard man zur Datenübertragung für einen bestimmten Einsatzzweck nutzen muss. Bislang unterstützt GS1 bereits vier grundlegende Methoden zum Datenaustausch: 

(1) Bilateraler Push (z.B. Versand von EDI-Nachrichten – Bestellungen, Rechnungen, etc.), 

(2) Publish/Subscribe (z.B. Produktstammdatensynchronisation via GDSN), 

(3) Broadcast (z.B. Einbettung von GS1 Smart Search in Webseiten-Quelltext) und

(4) Pull (z.B. Abfrage von EPCIS-Events) 

Die Nutzung von Blockchain-Technologie fällt in keine der eben genannten Kategorien und bildet damit einen weiteren Ansatz: 

(5) Push an Distributed Shared Ledger (d.h. ein verteiltes Journal)

Wichtig ist, dass dieser fünfte Ansatz die etablierten Datenaustausch-Verfahren nicht ersetzt, sondern ergänzt. Dieser Sachverhalt wird in folgender Abbildung illustriert:

In diesem Zusammenhang gibt es eine ganze Reihe an Gründen, warum bestehende EDI-Infrastrukturen durch Blockchain nicht obsolet werden – im Folgenden eine Auswahl: 

  • Oft existieren keine geschäftlichen Gründe (bspw. ein grundlegendes Vertrauensproblem), um Blockchain in Betracht zu ziehen.
  • Häufig sprechen auch keine technischen Gründe dafür. Alternative Systemarchitekturen (bspw. föderierte Datenbanken) sind typischerweise viel effizienter aufzusetzen und zu betreiben.
  • Wenn sich bereits ein gut funktionierender Datenaustausch etabliert hat, ist der zusätzliche Mehrwert durch Blockchain eher begrenzt. Im selben Kontext genießen bestehende Systeme durch Abkommen zwischen Handelspartnern zudem häufig Investitionsschutz. 
  • Zum jetzigen Zeitpunkt hat Blockchain noch keinen hinreichend hohen Reifegrad erreicht.
  • Daten, die mit hohen Volumina (z.B. Mediendateien) bzw. hoher Frequenz (z.B. Roh-Sensordaten) einhergehen oder dem Datenschutz unterliegen, sind für den Austausch via Blockchain wenig bis nicht geeignet.

Good to know: das GS1 System

Das GS1 System bietet das global am weitesten verbreitete Set an Business Standards. Mehr als zwei Millionen Unternehmen weltweit sind GS1 Anwender – davon in Deutschland rund 65.000. GS1’s EDI-Strategie verfolgt das Ziel, Attribute zunächst auf semantischer Ebene zu definieren, womit man Anwendern die Flexibilität bietet, denjenigen technischen Ansatz zu wählen, der für den jeweiligen Use Case am vorteilhaftesten erscheint. Falls sich Unternehmen dazu entscheiden, bestimmte Daten über eine Blockchain-Infrastruktur zu teilen, sind sie gut beraten, beim Design der Blockchain-Transaktionen standardisierte und etablierte Idente, Attribute und Datenmodelle zu nutzen.

Aktuell gibt es keine GS1 Germany bekannten Handelspartner, welche Stamm-, Bewegungs- oder Prozessereignisdaten über eine Blockchain-Infrastruktur austauschen. Allerdings existieren eine Reihe von Pilotprojekten und Initiativen, die bspw. Zolldokumente bzw. Palettentausch-Transaktionen über Blockchains teilen und die Technologie erproben. 

GS1 Germany steht Anwendern und Solution Providern gerne als Sparringspartner zur Bewertung valider Blockchain-Einsatzfelder zur Verfügung. Zudem prüfen wir auf Anfrage jederzeit gerne die Möglichkeit, die Rolle des Moderators bei der Initialisierung konsortialer Blockchains einzunehmen – bspw. bei der eventuellen Fortsetzung des Palettentausch-Projekts. Darüber hinaus werden wir im Verbund mit den über 110 anderen GS1 Länderorganisationen weiter den Markt beobachten und unsere Erkenntnisse teilen.

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GS1 Germany

Dr. Ralph Tröger
Ein Beitrag von

Dr. Ralph Tröger - Senior Manager Identification/Data Carrier, GS1 Germany

Bereits seit mehr als acht Jahren unterstützt Ralph Tröger GS1 Endanwender und Solution Partner in diversen Branchen bei der Entwicklung und Umsetzung innovativer Lösungen auf Basis von GS1 Standards. Er beschäftigt sich bereits seit längerer Zeit mit Blockchain und war im Pilotprojekt zum Thema Palettenschein u.a. mit dem Design der Blockchain-Transaktionen betraut. Er freut sich auf Gelegenheiten zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch und von weiteren spannenden Anwendungsfällen der Technologie zu hören.

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