05.11.2019

Wenn mich im Vorfeld unseres Blockchain-Projekts rund um den Palettentausch im letzten Jahr jemand gefragt hätte, was aus meiner Sicht die größten Risiken für die Durchführung eines Praxistests wären, hätte ich drei Dinge geantwortet: Erstens – die Bereitschaft der MitarbeiterInnen an den Lagerstandorten, die Applikation zusätzlich zu ihrem Tagesgeschäft zu nutzen. Zweitens – die Bereitschaft der immer unter Druck stehenden Fahrer, auf dem mobilen Endgerät zu quittieren. Und Drittens – natürlich das Risiko eines wirklichen Bugs oder auch Denkfehlern in unseren Applikationen, der Komplexität und unserer knappen Zeit geschuldet. Heute kann ich sagen: Nichts von all dem stellte sich im Nachgang als wirkliches Problem dar. Denn es handelte sich dabei um Themen, die alle Beteiligten mit großem Einsatz, enger Abstimmung im Vorfeld und intensiver Kommunikation während des Tests gut vorbereiten und, wo nötig, lösen konnten. Diese scheinbaren Risiken befanden sich alle in unserem Kontroll- und Wirkungsbereich. Stattdessen entpuppten sich im Nachgang zwei andere Punkte als echte Stolpersteine und wurden damit zum Risiko: Anti-Terror-Gesetzgebung und Mobilfunkempfang.

Einen Plan zu haben ist gut, aber … 

Unsere mobilen Endgeräte für den Blockchain-Test sollten aufgrund der vergleichsweise kurzen Dauer des Tests mit Prepaid-Karten ausgerüstet werden. Soweit der Plan. Leider stellte sich heraus, dass sich der Käufer seit Juli 2017 auf Grundlage der Anti-Terror-Gesetzgebung bei Bezug einer Prepaid-Karte persönlich per Ausweis identifizieren muss und für die Nutzung der Karte haftet. Dies führt dazu, dass Telekommunikationsunternehmen Prepaid-Karten für Geschäftskunden gar nicht mehr vorsehen. Bei einem Anbieter ist zudem der Bezug der Karten pro Shop auch für Privatpersonen noch auf eine geringe Anzahl limitiert, d.h. wir hätten ganz Köln abgrasen müssen. Die Klärung dieses Sachverhaltes dauerte leider, auch bedingt durch Urlaubszeiten, so lange, dass es zeitlich immer knapper wurde. Glücklicherweise ging ein Kollege persönlich ins Risiko und organisierte kurz vor dem Start auf eigene Gefahr noch genügend Karten. Man konnte ihm allerdings seine Erleichterung deutlich anmerken als die Karten vollzählig wieder zurück waren. So bleibt es eine Anekdote, über die man schmunzeln kann.

Das Thema Mobilfunkempfang geht allerdings deutlich darüber hinaus: Blockchain bedeutet Transaktionen Peer-to-Peer – und auch beim Palettentausch geht es um Transaktionen zwischen gleichberechtigten Tauschpartnern. In unserem Fall digitalisiert dokumentiert über Applikationen auf zwei mobilen Endgeräten. Diese benötigten Zugang zum Backend-System, mussten demnach online sein. Mobilfunkempfang innerhalb von logistischen Standorten ist allerdings in vielen Fällen nicht oder nur unzureichend vorhanden. In einem recht gut zu kontrollierenden Umfeld wie bei unserem Praxistest konnte das Problem an manchen Standorten über WLAN gelöst werden. Allerdings agieren Unternehmen auch hier recht unterschiedlich: Im Projekt konnte teilweise ein Hotspot innerhalb kürzester Zeit installiert werden, teilweise verhinderten interne IT-Richtlinien die Einbindung von externen Geräten grundsätzlich oder die notwendigen Freigabeprozeduren hätten den zeitlichen Rahmen gesprengt. Dies bedeutete, dass, den aktuellen Regeln und Gepflogenheiten folgend, nur lokale Geräte über ein WLAN stabil und schnell eingebunden werden konnten – und externe Geräte, also in unserem Projekt zum Beispiel die Geräte der LKW-Fahrer, weiterhin auf Mobilfunkempfang angewiesen waren. Hat zwar irgendwie geklappt, aber: Gleichberechtigung der Transaktionspartner im Sinne von Blockchain würde voraussetzen, dass alle Partner einen ausreichenden und stabilen Zugang zum Internet haben und dies im vorliegenden Fall – und bei weiteren denkbaren Anwendungen – mobil.

Was tun? Wir werden es herausfinden … 

Daher stellt sich mir die Frage, wie dies erreicht werden könnte. Auf den Netzausbau warten? Oder den Gedanken des Teilens von Daten ausweiten: und zwar auf das Teilen von dazu notwendiger Infrastruktur? Eins ist sicher: Diese Fragestellung werden im Rahmen unseres nächsten Blockchain-Projekts auf jeden Fall beleuchten!

Im privaten Umfeld, aber auch in Richtung des Kunden – etwa in Hotels, Cafés und Supermärkten – wird der Zugang zu Netzwerken zunehmend gewährt bzw. ist in einigen Fällen bereits zum Standard geworden. Denn ohne diesen Zugang würden sich Kunden möglicherweise für den Wettbewerber entscheiden. Auch im Geschäftsumfeld sind Gast-Zugänge inzwischen weit verbreitet, wobei allerdings oftmals die Zugangsdaten wie Staatsgeheimnisse gehütet werden. Es sind sicherlich Regeln zu beachten und Sicherheitsaspekte nicht gänzlich außer Acht zu lassen. Trotzdem könnte es im Rahmen einer gemeinsamen, digitalisierten Prozessoptimierung sinnvoll und zielführend sein, für den Geschäftspartner – und auch der LKW-Fahrer ist ein solcher – den notwendigen Zugriff auf das Internet zu ermöglichen. Blockchain hängt am seidenen Faden des gesamten Digitalisierungsniveaus von Deutschland und seinen Unternehmen. Der Erfolg der Technologie wird letztlich auch von solchen (gesetzlich-infrastrukturellen) Rahmenbedingungen abhängen.

Bildhinweis

Leon Seibert/Unsplash

Dirk Freda
Ein Beitrag von

Dirk Freda - Lead Competence Center SCM, GS1 Germany

Dirk Freda leitet das Competence Center Supply Chain Management bei GS1 Germany in Köln. Sein Hauptfokus im Pilotprojekt rund um den Palettenschein lag auf der operativen Umsetzung in der Praxisphase sowie auf einer möglichen Weiterentwicklung über die Pilotphase hinaus.

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